Bitte warten..!

Ich kann mich noch gut erinnern. Es ist das Jahr 2000 und mein Bruder, Markus und ich sind früh morgens aufgewacht in unserer kleinen Pension in einem Vorort von Hannover, so weit von zu Haus. Markus und ich zarte 16, Tobi bereits 18 Jahre alt. Wir sind alle aufgeregt, frühstücken etwas und suchen die S-Bahn, die uns zum großen Ziel bringen soll: Expo 2000.

Wenige Zeit später stehen wir in der bis dato längsten Warteschlange, die ich kannte und die ich so schnell nicht wieder erleben sollte: Vor dem „Planet of Visions“. 29,- DM rabattierter Schülerpreis – immer noch sehr viel für uns – und dann steht man da und wartet. Wartet und wartet. Nach 2,5 Stunden wurde man in einem Riesen Wurm durch die Ausstellung geschoben, aber jedem war – auch wenn man nicht wusste was man von Shanghai im Jahr 2032 halten sollte – danach klar: Es hat sich gelohnt! Wow – „Planet of Visions“ – für nur kurze Zeit hatte meine 16-jährige Seele das Gefühl Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.

Warten gehört eben zum Leben dazu und meist tut man dies ja auch gern, denn schließlich lohnt es sich ja meistens: Sei’s die leckere Currywurst im Freibad oder die Wildwasserbahn im Europapark. Für gute Sachen wartet man gern.

Neuerdings ist das jedoch leider etwas anders. Wir schreiben das Jahr 2021 und seit mehr als 14 Monaten hält ein Virus die Welt in Atem. Warten ist das neue Schnell und während schon viele Menschen in den Jahren zuvor bei der horrenden Geschwindigkeit in der unsere Gesellschaft tickt kapitulieren mussten, tun dies nun viele bei deren neuer Langsamkeit.

Seit mehr als einem Jahr wartet man. Abstand halten und …? Warten. Beim Bäcker draußen im Regen, beim Rewe, bei der Post, beim Döner oder beim Altglaskontainer. I-m-m-e-r __s-c-h-ö-n__ l-a-n-g. Schön entschleunigen und sich daran gewöhnen: Nix geht mehr „schnell“. An sich hat das ja etwas gutes für die Gesellschaft und so, nimmt aber mitunter auch echt skurrile Züge an:

Erst vorgestern ist es gewesen, dass ich  wieder an die Expo denken musste. Zwar bin ich nicht weit gereist, und nervös war ich auch nicht, jung – naja, auch nicht mehr – aber warten musste ich eben wieder so lang. So richtig lang. So richtig „Planet-of-Visions-lang“. Dumm nur: Am Ende wartet rein gar nichts Positives auf mich. Ich stehe um 08:30 Uhr bei -2 grad draußen in der Kälte, kurz vor Arbeitsbeginn, in einer unendlich langen Schlange. Hier warte ich mehr als 1,5h darauf, dass mir Menschen  in kompletter Schutzmontur Wattestäbchen in beide Nasenlöcher drücken. Das habe ich wirklich noch nie erlebt: Zermürbende Selbstzweifel über Selbstzweifel, die mir nach mehr als einer Stunde immer noch weismachen wollen: „Alter, bleib stehen, du musst das hier machen, das ist echt wichtig! Die Zeit rennt und du kommst viel zu spät zur Arbeit, machst sogar Minusstunden, aber Mann, das lohnt sich! Wirklich! Oder?“

Es sind verrückte Zeiten. Definitiv. 

Expo 2000 – wie krass. Pavilion Monte Carlo: Dieses krasse Boot. Ach, hat sich jetzt doch gelohnt das Anstehen.

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